Aktuelles

Heilpflanzenprojekt in Rajasthan gestartet

TradAid e.V. baut mit dem Partner vor Ort im indischen Rajasthan, RGM, einen Heilpflanzengarten in Udaipur.
Dort werden
1. vom Aussterben und Raubbau bedrohte Heilpflanzen angebaut,
2. diese den traditionellen Heilern (Gunis) leichter zugänglich gemacht und so
3. das kulturelle Erbe und die Vielfalt auf unserem Planeten erhalten. Die Crowdfunding-Kampagne läuft auf: Betterplace.
Wer das Projekt unterstützen mag, kann das gerne tun, indem er/sie
  • diese Nachricht an Freunde/Interessierte weiterleitet
  • uns bei der Erstellung einer Heilpflanzendatenbank hilft. Bei Interesse einfach eine Mail info@tradaid.de schicken)
  • oder einfach spendet:
TradAid e.V.
GLS Bank
Kto.Nr. 1112 401 700
BLZ 430 60 67
IBAN: DE09430609671112401700
BIC:   GENODEM1GLS

Wald- und Wiesen-Wissen

Die Reportage in „Meine Welt“, der Zeitschrift zur Förderung des Deutsch-Indischen Dialogs:

Das Öl glänzt auf der Haut. Sachte massiert Mangilal Meena das Handgelenk seines Patienten und arbeitet sich dann Richtung Ellenbogen vor. Meena ist Heilpraktiker in einem kleinen Dorf in Rajasthan. Sein Patient, Sardara Ravam, ist von Beruf Träger. Das heißt, er schleppt manchmal Lasten von bis zu hundert Kilo von Dorf zu Dorf. Der schmale Mann hat oft Schmerzen in den Armen. Jetzt konnte er seine rechte Hand das erste Mal gar nicht mehr bewegen. Da Ravam wie die meisten Inder auf dem Land keine Versicherung hat, ist jeder Tag, an dem er nicht arbeiten kann, ein verlorener Tag. Eine Zeit lang kann er seine Familie von Erspartem über die Runden bringen, aber dann wird es eng. Ravams Frau ist Hausfrau; insgesamt fünf Kinder gilt es zu versorgen.

Mangilal Meenas Tochter will später auch als Guni arbeiten

Mangilal Meenas Tochter will später auch als Guni arbeiten

„Ich war gestern schon hier. Inzwischen ist es viel besser“, sagt Ravam, der zu Fuß aus seinem Heimatdorf zu Mangilal Meena nach Banswari gekommen ist. In Banswari leben keine 500 Einwohner. Die Straße hierher ist mehr eine Schotterpiste und die letzten Meter führen durch einen kleinen Fluss ohne Brücke. Aber in Banswari gibt es eine Art Gemeinschaftspraxis, die Meena und zwei Kollegen betreiben. Die drei sind traditionelle Heilpraktiker, die mit Pflanzen und Kräutern kleinere Leiden und Krankheiten im frühen Stadium behandeln. In Rajasthan werden sie „Gunis“ genannt, was auf Hindi so viel wie „Spezialisten“ bedeutet. Und in der Tat hat jeder Guni sein eigenes Spezialgebiet. Mangilal Meena ist versiert auf Knochen- und Gelenkprobleme; und, obwohl er mit seinen 34 Jahren der jüngste der drei Gunis ist, so etwas wie der Chefarzt hier. Er ist Guni in sechster Generation. Sein Vater hatte einen exzellenten Ruf weit über die Bezirksgrenzen hinaus. Seit der vor zwölf Jahren starb, führt Meena die Praxis. Direkt hinter dem Lehmbau ist ein eigener Garten. Neben grünen Bohnen, Chilischoten und Tomaten wachsen hier die wichtigsten Pflanzen und Kräuter, die Meena für die Herstellung seiner Heilmittel braucht. Das Öl, mit dem er den Träger Sardara Ravam behandelt, besteht aus insgesamt 32 Kräutern, die er kocht, mit Senföl mischt, ziehen lässt und zu guter Letzt durch ein feines Sieb passiert. Bei der Ernte und der Weiterverarbeitung hilft Meena wiederum die Älteste seiner drei Töchter. Die Zwölfjährige weiß jetzt schon beeindruckend viel über den menschlichen Körper und Wege, Krankheiten zu kurieren. So wird sie später den Kranken helfen können wie es heute ihr Vater tut. Der Patient lässt Meena schlussendlich 300Rupien da, etwa vier Euro. Abgesehen davon, dass das nächste Krankenhaus in der Stadt Udaipur und damit 90 Kilometer entfernt ist, könnte sich Ravam den Besuch dort gar nicht leisten. Die Behandlung wäre mindestens zehn Mal so teuer.

Misstrauen

Bei Vertretern der westlichen Schulmedizin werden Gunis und ihre traditionellen Heilweisen allerdings mit Misstrauen beäugt. Dr. Chandra Prakash Surya ist Allgemeinarzt in einem staatlichen Krankenhaus. Zum Interview erscheint er im gestärkten weißen Kittel. Er sei selber vom Dorf, stellt er vorab klar; seine Einstellung gegenüber Gunis also relativ offen. Trotzdem lassen sich seine Ressentiments im Laufe des Gesprächs kaum überhören. „Bei kleineren Leiden ist es nicht schlimm, wenn die Gunis mit ihren Heilmittelchen rumexperimentieren.Aber bei Patienten mit richtigen Krankheiten wird es gefährlich. Die haben ja nicht mal fließend Wasser, geschweige denn Strom! Wie sollen sie da Kranken helfen!?“ Damit hat der Arzt nicht ganz Unrecht. In der Tat können Gunis nicht gegen jeden Erreger etwas ausrichten.

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Nur etwa 10% der Gunis sind Frauen

Mangilal Meena ist sich dessen bewusst: „Wenn jemand mit Tuberkulose oder Krebs zu mir kommt, schicke ich ihn ins Krankenhaus. Da kann ich überhaupt nichts machen.“ Aber die weniger dramatischen Gebrechen der armen Menschen in der Umgebung – die kann er heilen. Deshalb sind Gunis auf den Dörfern Indiens unverzichtbar für das bescheidene Gesundheitssystem.

Traditionelle Heilmethoden gehören nationalen zum Kulturgut

Die Weltgesundheitsversammlung, das höchste Entscheidungsorgan der Weltgesundheitsorganisation WHO, hat deshalb auf ihrer Versammlung im Mai 2009 festgestellt: „Das Wissen um traditionelle Medizin, deren Behandlungen und Praktiken, müssen respektiert, geschützt und gefördert werden.“ In der Praxis passiert das nicht immer. Im Gegenteil prallen in Indien Tradition und Moderne aufeinander. Heilpraktiker haben keine eigene Lobby, geschweige denn Mittel, wie die Pharmakonzerne aggressiv für ihre Produkte zu werben. Den Gunis in der öffentlichen Wahrnehmung einen besseren Stand zu geben, hat sich Bhanwar Singh aus Udaipur zur Aufgabe gemacht. Die 49-Jährige war früher für verschiedene

Hilfsorganisationen im Einsatz, bis sie ein einschneidendes Erlebnis hatte. 1988 griff in dem kleinen Dorf Junijhar in der Nähe von Udaipur eine Grippewelle um sich. Mit einem funktionierenden Gesundheitssystem wäre die Behandlung kein Problem gewesen, aber auf dem Dorf drohte vielen der Tod. Bhanwar Singh setzte sich ein und bat Vertreter der westlichen Medizin, die Menschen vor Ort zu unterstützen. Aber sie stieß sie auf taube Ohren. „Viele hatten Vorurteile gegenüber der Landbevölkerung oder fühlten sich einfach nicht zuständig“, erzählt sie. „In Indien kehrt einfach jeder seinen eigenen Garten!“ Am Ende gab es zwar Unterstützung von der Regierung und die Epidemie konnte eingedämmt werden. Allein für insgesamt 15 Kinder war es zu spät. Sie starben.

Singh überlegte, wie es früher gewesen sein musste und was ihre Vorfahren getan hätten. Bei ihren Recherchen traf sie auf die Spuren der Gunis, die über Jahrhunderte das Gesundheitswesen auf dem Dorf am Leben erhielten. Ohne Unterstützung und angekurbelt von der Landflucht werden sie aber immer weniger. Gunis geben ihr Wissen von Generation zu Generation weiter. Macht der Sohn oder die Tochter nicht weiter, stirbt das Wissen irgendwann aus.

Um das zu verhindern und den Stand der Gunis in der Gesellschaft zu verbessern, hat Bhanwar Singh eine Nichtregierungsorganisation gegründet. Die „Rashtriya Guni Mission“, kurz „RGM“, gibt es seit 25 Jahren und inzwischen in zwölf von insgesamt 28 indischen Bundesstaaten. Einerseits versucht RGM, das Wissen der Gunis, die weit verstreut leben, miteinander zu vernetzen. Was der eine weiß, kann beim anderen den entscheidenden Durchbruch in einer Behandlung bedeuten. Natürlich haben auch Gunis heutzutage Handys, aber der persönliche Kontakt ist wichtig. Bei Meetings und Fortbildungen können sich die Heilpraktiker austauschen und sich gegenseitig ihre Heilpflanzen und Kräuter zeigen. Einmal im Jahr findet zum Beispiel ein großes Meeting im NGO-eigenen Ashram in Udaipur statt, zu dem Gunis aus dem ganzen Land anreisen. Ein Wochenende lang haben insgesamt 18 Frauen und Männer die Gelegenheit, sich auszutauschen und gegenseitig Tipps für Therapien zu geben. Mangilal Meena zum Beispiel verzweifelte oft bei der Behandlung von Schlangenbissen. In seinem Bezirk werden im Schnitt vier bis fünf Menschen pro Jahr gebissen, was meistens zum direkten Tod führt. Von Guni Chaturbhuj Prajapat, 55, der aus dem 450km entfernten Jaipur kommt, lernt er heute eine neue Methode, Schlangenbisse zu behandeln. Die entsprechenden Heilpflanzen kann er am Ende des Meetings gleich mit nach Hause nehmen und freut sich jetzt mit einem Strahlen in den Augen, ab sofort hoffentlich mehr Menschen retten zu können.
Guni Mangilal Meena beim Interview im Ashram - Making of

Guni Mangilal Meena beim Interview im Ashram – Making of

Obwohl der Beruf Guni innerhalb der Familie weitergegeben wird, hat RGM die Möglichkeit geschaffen, eine Art Ausbildung abzuschließen. Nach erfolgreichem Abschluss des dreimonatigen Workshops bekommt jeder Guni ein staatliche anerkanntes  Zertifikat, das ihn als traditionellen Heiler ausweist. Mit dem Papier in der Hand haben es die Gunis leichter, sich auszuweisen, um nicht als Scharlatane, die kranken Menschen das Geld aus der Tasche ziehen, dazustehen. Für Mangilal Meenas Patient ist die Kosten-Nutzen-Rechnung optimal aufgegangen. Zwei Orte weiter wird gerade ein großer Hindu-Tempel gebaut und Sardara Ravam hat gehört, dass noch Träger gebraucht werden. Morgen wird er wieder mit anpacken können.

 

Marlene Giese

Rashtriya Guni Mission

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Den Wissensschatz, den Gunis mit sich tragen und in der Regel einem Nachfahren vererben, versucht jetzt eine indische NGO zu bewahren. Die in Udaipur, Hauptstadt Rajasthans, ansässige Organisation Rashtriya Guni Mission bringt Gunis aus ganz Indien zusammen, um den Austausch untereinander zu fördern und eine Übersicht aller Praktizierenden herzustellen. 

Jay Shanker ist Kopf und Herz der NGO. Er ist ein moderner Inder und ausdrücklich nicht gegen die so genannte Schulmedizin. Aber er fürchtet, dass Medikamente, die von Pharmaunternehmen aggressiv vermarktet werden, den Umgang mit traditionellen Heilmethoden mehr und mehr verdrängen. Irgendwann würde der Wissensschatz der Gunis in Vergessenheit geraten. In Udaipur haben Jay und seine Kollegen deshalb eine Art Samenbank installiert, in der alle bekannten Heilpflanzen und –kräuter konserviert und katalogisiert werden. „Am meisten freuen wir uns hier über Akademiker, die ihren eigenen Horizont erweitern wollen und sich der traditionellen Heilmedizin nicht verschließen“ sagt Jay. Den Wissensschatz, den Gunis mit sich tragen und in der Regel einem Nachfahren vererben, versucht jetzt eine indische NGO zu bewahren. Die in Udaipur, Hauptstadt Rajasthans, ansässige Organisation „Rashtriya Guni Mission“ bringt Gunis aus ganz Indien zusammen, um den Austausch untereinander zu fördern und eine Übersicht aller Praktizierenden herzustellen.